EDIN MUSTAFIC | VIENNA, AT | PORTFOLIO & ARCHIVE

Art & Photography

 Ein Künstler sollte geeignet sein für die beste Gesellschaft, aber sich von ihr fernhalten (J. Ruskin). 

Die Fo­to­gra­fie litt seit ih­rer Er­fin­dung an ei­nem ge­ra­de­zu pa­tho­lo­gi­schen Miss­ver­ständ­nis: der na­i­ven An­nah­me, sie sei ein ob­jek­ti­ves Be­weis­mit­tel der Wirk­lich­keit. Mei­ne Ar­bei­ten ver­wei­gern sich die­ser do­ku­men­ta­ri­schen Skla­ve­rei kon­se­quent. Wer glaubt, ei­ne Lin­se fan­ge die Wahr­heit ein, ver­kennt den Ap­pa­rat als das, was er im Kern ist – ei­ne Ma­schi­ne für kon­stru­ier­te Re­a­li­tä­ten. An­statt die vi­su­ell oh­ne­hin über­sät­tig­te Welt mit wei­te­ren re­dun­dan­ten Ko­pi­en ih­rer selbst zu ver­stop­fen, nut­ze ich den fo­to­gra­fi­schen Akt als Erweiterung meiner Gedanken. Durch ra­di­ka­le Re­duk­ti­on wer­den die Sub­jek­te ih­res ver­trau­ten Kon­tex­tes be­raubt, um die schlich­te Ba­na­li­tät des blo­ßen Ab­bilds end­gül­tig zu sa­bo­tie­ren.

Künst­le­ri­sche Fo­to­gra­fie wei­gert sich be­harr­lich, den bra­ven Chro­nis­ten zu spie­len. So­bald man auf­hört, das Me­di­um als plat­ten Re­kor­der zu miss­brau­chen, er­öff­nen sich Räu­me für ei­ne scho­nungs­lo­se kon­zep­ti­o­nel­le Neu­ord­nung. Der Schwer­punkt mei­ner Pra­xis liegt auf der Zer­stö­rung be­que­mer Seh­ge­wohn­hei­ten. Wo die fla­che Zwei­di­men­si­o­na­li­tät des Pa­piers an ih­re er­mü­den­den Gren­zen stößt, wird das Bild in den phy­si­schen Raum ge­zwun­gen. Durch skulp­tu­ra­le Ein­grif­fe und hap­ti­sche Ma­te­ri­a­li­tät ver­lässt das fo­to­gra­fi­sche Zei­chen die Wand und wird zu ei­ner drei­di­men­si­o­na­len Be­haup­tung im Raum. 

Art & Mono

“Die ra­di­ka­le Re­duk­ti­on auf Schwarz und Weiß“

Die Unschärfe als visuelle Simulation: Sie entzieht dem Bild die bloße Do­ku­men­ta­ti­on und ersetzt den Gegenstand durch seine zeichenhafte Re­prä­sen­ta­ti­on.

Dort, wo Un­schär­fe das ge­sam­te Bild be­trifft, weicht das Mess­ba­re dem Ein­druck: Der Ge­gen­stand wird durch sein Zei­chen und Sym­bol er­setzt (vgl. Stieg­ler, 2006).
Die Fra­ge lau­tet im­mer noch, ob die Wahr­heit im ob­jek­tiv Mess­ba­ren (der Schär­fe) oder im We­sen der Sa­che (der Un­schär­fe) zu fin­den sei!?
Das Über-Ich als Kon­troll­in­stanz: Ein vi­su­el­ler Aus­bruch aus dem Kor­sett ge­sell­schaft­li­cher Er­war­tun­gen und die De­kon­struk­ti­on des inne­ren Ide­al­bilds.
Ver­zicht auf die Ver­an­ke­rung: Die Ver­wei­ge­rung des Ti­tels ent­zieht dem Bild die vor­ge­ge­be­ne Be­deu­tung und über­lässt die Sinn­kon­sti­tu­ti­on ganz dem ei­ge­nen Blick.

Pa­zi­fis­mus als kul­tu­rel­le Il­lu­si­on: Die re­fle­xi­ve Fo­to­gra­fie be­fragt den ei­ge­nen Ha­bi­tus und kon­fron­tiert die ethi­sche Hal­tung mit der bru­ta­len Ma­te­ria­li­tät des Ob­jekts.

Serie: Melancholie, 2015

© 2009 Edin Mustafic - Series "Melancolia"

Die Ho­ri­zont­li­nie als Schnitt­stel­le zwi­schen Still­stand und Ver­schwin­den: Me­lan­cho­lie ver­steht sich hier nicht als Trau­er, son­dern als kon­tem­pla­ti­ver Raum rei­ner Re­duk­ti­on und zeit­lo­ser Prä­senz.

Si­mu­la­ti­on und Re­a­li­täts­ver­lust: Die Ar­beit hin­ter­fragt die Gren­ze zwi­schen me­dia­ler In­sze­nie­rung und greif­ba­rer Wirk­lich­keit. Durch ge­ziel­te vi­su­el­le Brü­che wird der Ver­lust an Ge­wiss­heit er­fahr­bar – das Bild kon­fron­tiert den Blick mit der Fra­gi­li­tät un­se­rer Wahr­neh­mung.

Bit­te­re Re­a­li­tät: Ein zy­ni­scher Kom­men­tar auf eine Ge­sell­schaft, die erns­te The­men erst dann kauft, wenn man sie mit ein paar bun­ten Blüm­chen harm­los und kon­su­mier­bar macht.

Phy­sis und Af­fekt: Die Erup­ti­on un­kon­trol­lier­ter Ag­gres­si­on als en­do­ge­ner Trieb­zu­stand. Die Fo­to­gra­fie zeigt den kör­per­li­chen Mo­ment des Kon­troll­ver­lusts und kon­fron­tiert die ar­chai­sche Wucht des Im­pul­ses mit der For­de­rung nach Selbst­er­kennt­nis.

Ma­te­ria­li­tät als Bild­er­eig­nis: Das ana­lo­ge Trä­ger­me­di­um tritt aus sei­ner die­nen­den Rol­le her­aus und wird selbst zur phy­si­schen Re­a­li­tät. Die skulp­tu­ra­le Fal­tung des Films bricht mit der rei­nen Bild­flä­che und ver­wan­delt das Ma­te­ri­al in ein au­to­no­mes Form­ob­jekt.

Ordnung und Kontrollwahn: Die strenge Rasterarchitektur suggeriert Stabilität und Ruhe, erweist sich jedoch als gesellschaftliche Fessel. Die Lochkamera-Fotografie dekonstruiert das Bauwerk zur visuellen Täuschung und entlarvt den Glauben an Kontrolle als bloße Illusion.

Äs­the­tik des Flüch­ti­gen: Die ra­di­ka­le Re­duk­ti­on auf Ast und Ver­fall iso­liert die End­lich­keit im lee­ren Raum. Das Bild ver­han­delt Ver­gäng­lich­keit nicht als Ver­lust, son­dern als stil­len, un­aus­weich­li­chen Pro­zess von Auf­lö­sung und Zeit.

Art & Color

 Künstler wird man aus Verzweiflung! (E.L. Kirchner)  

Wer glaubt, mei­ne Pra­xis be­we­ge sich aus­schließ­lich im ra­di­ka­len Schwarz-Weiß, irrt: Ich ar­bei­te mit der­sel­ben Kon­se­quenz in Far­be. Schwarz-Weiß bleibt wun­der­bar dis­tan­ziert, ana­ly­tisch und streng – doch bis­wei­len ver­langt ein Werk nach Far­be, um das Ra­tio­na­le zu um­ge­hen und un­mit­tel­bar phy­sisch zu tref­fen. Far­ben pro­vo­zie­ren Zu­stän­de, an de­nen der Blick nicht kühl ver­wei­len kann: von pul­sie­ren­der Dring­lich­keit über ro­he Sinn­lich­keit bis zu schärfs­ter Ele­ganz. Kein de­ko­ra­ti­ves Ele­ment, kein Weich­zeich­ner – son­dern das un­ge­fil­ter­te Spek­trum, wenn das Bild es ein­for­dert.
Ges­ti­sche Ab­strak­ti­on und fern­öst­li­che Äs­the­tik: Das ver­äs­tel­te Li­ni­en­sys­tem löst den Baum als Ge­gen­stand auf und ord­net Far­be und Struk­tur rhyth­misch neu. In An­leh­nung an das All-Over Jack­son Pol­locks ver­dich­ten sich Äs­te und Farb­tup­fer zu ei­nem me­di­ta­ti­ven Ge­flecht rei­ner Form.
Der Mensch re­du­ziert auf sei­ne nack­te Ma­te­ria­li­tät – ein amor­pher Klum­pen Fleisch. Die Skulp­tur ver­wei­gert je­de ide­a­li­sie­ren­de Form und kon­fron­tiert den Blick mit der ro­hen, bio­lo­gi­schen End­lich­keit des Kör­pers.

Tulpen, 2018

Ex­pe­ri­men­tel­le Licht­bre­chung im Was­ser: Iso­liert vor tie­fem Schwarz ent­fal­ten die Tul­pen eine skulp­tu­ra­le Prä­senz. Das Spiel aus Be­net­zung, Re­fle­xi­on und Dun­kel­heit trans­for­miert die bo­ta­ni­sche Form in eine ab­strak­te Stu­die über Kör­per, Licht und Raum.

FORM, MATERIAL & ZEICHEN

Ästhetik & Bruch

“Gesellschaftflicher Widerspruch als physische Tatsache im Raum!”

„Ich mag kei­ne Men­schen. Ich mag die Kunst nicht. Ich kann die an­de­ren Künst­ler nicht aus­ste­hen! Ich kann die an­de­ren Künst­le­rin­nen nicht aus­ste­hen! Ich kann mich selbst nicht aus­ste­hen. Ich fin­de den Kunst­be­trieb wi­der­lich. Ich fin­de das Pu­bli­kum un­er­träg­lich. Ich will die an­de­ren Künst­ler nicht se­hen! Ich will die Kunst­ge­schich­te nicht hö­ren! Ich mag kei­ne Ga­le­rien, ich will kei­ne Ga­le­rien, ich mag gar nichts da­von! Aber ich mei­ne es ge­nau so: Das ist mei­ne Äs­the­tik. DADA be­deu­tet nichts, DADA for­dert nichts, DADA traf ab­so­lut al­le – und mich gleich mit!“ Stadt­wan­de­rer / EM, 2018
Das ent­wen­de­te Zei­chen als Rea­dy­ma­de: Aus dem Ver­kehrs­raum iso­liert, ver­liert das Schild sei­ne nor­ma­ti­ve Funk­ti­on und wird zum au­to­no­men Farb- und Form­ob­jekt im Aus­stel­lungs­raum.
Mo­nu­men­ta­le Si­mu­la­ti­on: Die Ste­len be­haup­ten die Här­te und Schwe­re von mas­si­vem Be­ton, be­ste­hen je­doch aus Sty­ro­por und Bau­kle­ber. De­mo­kra­tie als fra­gi­le Fas­sa­de – eine trü­ge­ri­sche Mas­se, die Stand­fes­tig­keit vor­gau­kelt, aber im In­ne­ren fe­der­leicht und hohl bleibt.

Contemporary, 2015

© 2015 Edin Mustafic - Object: "Symbolism - Contemporary"
Die Mu­ta­ti­on des Werk­zeugs: Aus­ge­löst durch die An­schlä­ge in Groß­bri­tan­ni­en, bei de­nen all­täg­li­che Hack­werk­zeu­ge zu Tat­waf­fen wur­den. Das Beil ver­liert sei­ne pro­fa­ne Funk­ti­on und er­starrt an der Wand zum zeit­ge­nös­si­schen Sym­bol dif­fu­ser Be­dro­hung und me­dia­li­sier­ten Ter­rors.

Superposition, 2018

© 2019 Edin Mustafic - Object: "Superposition"
Schrö­din­gers Bild­trä­ger: Die Ver­pa­ckung kehrt ihr In­ne­res nach au­ßen und wird selbst zum se­ri­el­len Wand­ob­jekt. Da­hin­ter kann al­les sein oder nichts – ein Schwe­be­zu­stand, in dem die Fo­to­gra­fie erst durch den Zwei­fel an ih­rer Exis­tenz zur ei­gent­li­chen Be­haup­tung wird.
De­kon­struk­ti­on des My­thos: Ba­ro­cke Fi­gu­ren­frag­men­te wer­den aus ih­rem re­li­giö­sen Bild­kon­text ge­löst und in ei­nen ar­ti­fi­zi­el­len Raum über­führt. Ma­le­ri­sche Über­la­ge­run­gen und Drip­pings bre­chen das Pa­thos und ver­dich­ten die ba­ro­cke Ko­lo­ris­tik zu ei­ner ei­gen­stän­di­gen vi­su­el­len Dy­na­mik.
Als kon­se­quen­te Wei­ter­füh­rung der vo­r­an­ge­gan­ge­nen Rei­he ver­tieft die­ser Werk­zy­klus die di­gi­ta­le De­kon­struk­tion. Das Zu­sam­men­spiel aus Frag­men­tie­rung und gra­fi­scher Ver­dich­tung schärft den Blick für das We­sent­li­che – ei­ne for­ma­le Re­duk­tion, die das Mo­tiv schritt­wei­se frei­legt.

Perspektive(n), 2024 (work in progress)

Die Se­rie löst das Fo­to aus der zwei­di­men­sio­na­len Flä­che und über­führt es als skulp­tu­ra­les Ob­jekt in den Raum. Das Knül­len bricht mit der Il­lu­sion, Fo­to­gra­fie kön­ne je das Gan­ze zei­gen: Sie bleibt stets nur ei­ne ein­zi­ge, sta­ti­sche Per­spek­ti­ve. Durch Fal­ten, Ris­se und Kraf­tein­wir­kun­gen ent­ste­hen Flä­chen und Brü­che, die sich mit je­dem Schritt im Raum und je­dem Wech­sel des Blick­win­kels fort­wäh­rend neu kon­sti­tu­ie­ren.

Abtract, 2024

All­tags­ob­jek­te ver­lie­ren ih­re Funk­tion und wer­den zur rei­nen Ab­strak­tion auf Schwarz. In un­ge­wöhn­li­cher Bild­kom­po­si­tion schwin­gen Schär­fe und Un­schär­fe ge­gen­ein­an­der – ein Spiel mit Tie­fen­di­men­sio­nen, das den Blick zum de­tail­lier­ten Er­for­schen der Li­nie zwingt.

Linotype, 2023

Me­cha­ni­sche Druck­gra­fik und ma­te­ri­el­le Re­duk­ti­on

Art Doku

Spuren des Lebens, fest­ge­hal­ten jen­seits je­der In­sze­nie­rung.

Dieser Bereich ver­sam­melt Ar­bei­ten, die nicht aus theo­re­ti­scher Dis­tanz ent­ste­hen, son­dern un­mit­tel­bar dem Le­ben ab­ge­run­gen sind: Selbst­por­träts, flüch­ti­ge All­tags­be­ob­ach­tun­gen, Brü­che und per­sön­li­che Zwi­schen­sta­tio­nen. Hier geht es nicht um glat­te In­sze­nie­rung, son­dern um den un­ge­schön­ten Wer­de­gang als Mensch und Künst­ler. Die Ka­me­ra fun­giert als in­ti­mes No­tiz­buch, um in­ne­re Zu­stän­de fest­zu­hal­ten, Kri­sen zu ver­han­deln und Spu­ren ei­ner Wirk­lich­keit zu si­chern, die sich je­der Re­gie ent­zieht. Ein of­fe­nes, le­ben­di­ges Ar­chiv – su­chend, di­rekt und kom­pro­miss­los sub­jek­tiv. EM, 2026

Frag­men­te ei­ner ver­blas­sten Rei­se: Nach dieser an­da­lu­si­en Reise do­ku­men­tie­ren diese Auf­nah­men flüch­ti­ge Be­geg­nun­gen und to­te Win­kel. Sie bil­den den Rest­be­stand ei­nes per­sön­li­chen Ar­chivs.

Andaluz, 2024

Das Land des Fla­men­co und die her­be Schön­heit des Sü­dens: Pi­ni­en­schat­ten, glei­ßen­des Licht und eine fast greif­ba­re Me­lan­cho­lie.

Sunset, 2014

Ana­lo­ge Rei­se­do­ku­men­ta­ti­on an der kroa­ti­schen Adria: Ein flüch­ti­ger Mo­ment zwi­schen Be­we­gung und Er­star­rung, der die Wei­te des Mee­res zur stil­len Mo­ment­auf­nah­me ver­dich­tet.